Bilingualer Unterricht
Hörgeschädigte Kinder verfügen oft nicht über ein ausreichendes Restgehör, um die gesprochene Sprache über den akustischen Kanal erwerben zu können. Bei diesen Kindern ist – durch ihre stark visuelle Orientierung – die Gebärdensprache von großem pädagogischen Nutzen, um ohne Barrieren Zugang zur deutschen Sprache über die schriftliche Form zu schaffen.
Die Gebärdensprache verfügt als visuelle Sprache über differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten, sodass Wissen auf hohem Niveau vermittelt werden kann. Wird sie als Erstsprache altersgemäß erworben, kann sie bei Schuleintritt zur Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache erfolgreich zum Einsatz kommen.
Der Schriftspracherwerb ist eine Voraussetzung für eine positive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, so wie Bildung und Informiertheit Voraussetzungen für soziale Integration sind. Die entscheidenden Anforderungen für Kommunikation und Kognition sind an ein funktionsfähiges Sprachsystem gebunden. Daher kommt dem Sprachunterricht in der Gehörlosenpädagogik eine zentrale Aufgabe zu.

Der Deutschunterricht bei hörgeschädigten Kindern erfordert eine spezifische und individuell differenzierende Sprachdidaktik.

Die Teilbereiche des Deutschunterrichts sind:
■ Begriffserarbeitung
■ Wortschatzarbeit
■ Grammatikunterricht (systematischer Sprachaufbau)
■ komparativer Grammatikunterricht (Vergleich Gebärdensprache / deutsche Schriftsprache)
■ Schreiberwerb
■ bilinguale Lesedidaktik
■ Artikulationsunterricht / Hörtraining

Lernbereich Grammatik
Aufgabe des Grammatikunterrichts ist es, gehörlosen Kindern Wortschatz und Satzstrukturen soweit zu vermitteln, dass sie befähigt werden, Deutsch in schriftlicher und mündlicher Form aktiv zu gebrauchen. Auf besonders anschauliche didaktische Materialien ist großes Augenmerk zu legen. Sie ermöglichen eine intensive Auseinandersetzung mit den grammatikalischen Grundlagen der deutschen Sprache als Voraussetzung für die Erlangung ausreichender Lese- und Schreibfähigkeiten.
Lernprogramm 1 & 2 Verwendung

Der Erwerb der deutschen Sprache bleibt für gehörlose Kinder dennoch ein langer und mühevoller Lernprozess, der entsprechende Rahmenbedingungen im Unterricht (ausreichendes Stundenkontingent, methodisch-didaktische Schwerpunkte, etc.) erfordert.

Durch den Einsatz von zwei Sprachen im Unterricht kommt es beim Lernprozess häufig zu Überschneidungen – z. B. Anwendung von Gebärdensprachgrammatik auf die Schriftsprache (Deutsch). Erst allmählich lernen gehörlose Kinder, über einen Regelbildungsprozess die Laut- und Schriftsprache formgerecht zu bilden. Dazu ist die Beherrschung grammatischer Prinzipien notwendig.

Es ist von großer Bedeutung, den Lehrstoff nach steigendem Schwierigkeitsgrad bzw. nach steigender Komplexität der sprachlichen Strukturen zu gliedern und den Schülern anzubieten, um ein schrittweises und fortschreitendes Lernen zu ermöglichen. Übungen sind so aufeinander abzustimmen, dass durch Schritt-für-Schritt-Erarbeitung der richtige Gebrauch von Formen und Regeln gesichert werden kann.

Diese Form des systematischen Sprachaufbaus gilt als didaktisches Prinzip, welches sich vom Grammatikunterricht bei hörenden Kindern wesentlich unterscheidet. Diesen werden im Grundschulunterricht wichtige Formen der deutschen Sprache lediglich bewußt gemacht, um Einblick in die Regeln zu geben, die sie ja bereits über die Muttersprache erworben haben.
Es ist gerade für hörende Lehrer schwer vorstellbar, dass einfachste und für uns selbstverständliche Satzmuster von gehörlosen Kindern nicht verstanden werden. Die Auseinandersetzung mit diesen Sprachformen muss weit über eine Bewußtmachung der Regelbildung hinausgehen.

Bei gehörlosen Kindern zielführend sind variantenreiche Übungen, die Sprachstrukturen schrittweise aufbauend vermitteln. Das Üben von Teilfertigkeiten sollte wiederholend und regelmäßig erfolgen, um die Regelanwendung zu sichern. Dennoch ist der Schriftspracherwerb für Gehörlose ein langwieriger Lernprozess, der viel Motivation und Reflexion erfordert.
Wenn die Lernenden die erarbeiteten Syntaxregeln nach diversen Übungsschritten richtig anwenden können, so bedeutet dies noch nicht, dass der Regelerwerb gelungen ist. In der Unterrichtspraxis zeigt sich wiederholt, dass beim freien Schreiben von Bildgeschichten, Nacherzählungen, Berichten, usw. Sprachformen, die bereits vermittelt wurden, falsch oder gar nicht angewendet werden. Von einem erfolgreichen Regelerwerb kann daher erst gesprochen werden, wenn beim freien produktiven Schreiben eine korrekte Anwendung gelingt.

Freies Schreiben
Das Verfassen von Texten sollte daher regelmäßig in den Unterricht eingeplant werden. Ein Zugriff auf die erworbenen Basisregeln der Schriftsprache ist nur dann möglich, wenn sie vom Benutzer klar verstanden wurden. Dieser Prozess des Zugreifens auf das Werkzeug Grammatik erfordert zunächst lenkende Hilfestellung durch den Lehrer. Doch wenn der Schreibende durch praktische Erfahrung gelernt hat, erworbenes Wissen für sich verfügbar zu machen, ist ein wesentliches Ziel erreicht.

Notwendige Fördermaßnahmen im Prozess der Schriftsprachvermittlung können erst dann festgelegt werden, wenn laufend Schreibprodukte einer Auswertung hinsichtlich Fehleranlyse unterzogen werden. Fehlerquellen geben die sichersten Hinweise, ob die angestrebten Lehrziele erreicht werden konnten. Anhand der aufgetretenen Fehler gilt es zu entscheiden, ob neue Inhalte angeboten oder Gelerntes wiederholt beziehungsweise angemessener geübt werden muss.

Komparativer Grammatikunterricht
Ein weiterer wichtiger Bereich im Deutschunterricht ist die Festlegung und regelmäßige Verwendung einer sogenannten „Metasprache“ in ÖGS, um den Schülern spontane Erklärungen bei der Anwendung von Grammatikregeln zur Verfügung zu stellen.
Die Gebärdensprache ist also Unterrichtssprache und Metasprache. Vergleichende Sprachbetrachtungen zielen darauf ab, dass die Schüler grammatikalische Prinzipien des Deutschen erwerben und in der Sprachproduktion richtig anwenden.

Handlungsorientiertes Lernen
Die Bereitstellung eines Lernangebotes für handlungsorientiertes Lernen ist besonders im Deutschunterricht bei gehörlosen Kindern von großer Wichtigkeit. Denn lustbetonte Lernphasen, die zu einem aktiven und entdeckenden Umgang mit Sprache führen, steigern die Lernmotivation enorm und lassen vermeiden, dass die Vermittlung der deutschen Sprache mit ihrem umfangreichen und komplexen Regelsystem auf formale Sprachübungen und isoliertes Einüben von Regeln reduziert bleibt.

Das zentrale Lehrziel im Grammatikunterricht ist also, die Kinder soweit mit der Formenlehre und den Satzstrukturen der deutschen Sprache vertraut zu machen, dass sie ausbaufähige Kenntnisse erlangen, die zum aktiven mündlichen und schriftlichen Gebrauch der deutschen Sprache befähigen.

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